Kaufst du eine Wohnung für 800’000 CHF und bringst 200’000 CHF eigenes Erspartes mit, während 600’000 CHF von der Bank stammen, hast du beides gleichzeitig im Spiel: Eigenkapital und Fremdkapital. Zu verstehen, wie diese beiden zusammenspielen, ist zentral für jede grössere finanzielle Entscheidung.
Zwei einfache Begriffe
Ganz einfach gesagt: Eigenkapital ist eigenes Geld. Fremdkapital ist geliehenes Geld. Diese Unterscheidung gilt sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen – nur die Begriffe und Geldgeber unterscheiden sich.
Im Privatleben
- Eigenkapital: dein Erspartes, das du zum Beispiel in eine Immobilie, ein Wertschriftendepot oder eine Selbständigkeit investierst.
- Fremdkapital: eine Hypothek, ein Kredit oder ein Darlehen, das du von einer Bank oder einem anderen Geldgeber erhältst und das du samt Zins zurückzahlen musst.
Bei einer Hypothek verlangen Schweizer Banken in der Regel mindestens 20 Prozent Eigenkapital des Kaufpreises einer Liegenschaft, wobei mindestens die Hälfte davon nicht aus der Pensionskasse stammen darf. Die restlichen 80 Prozent oder weniger werden über eine Hypothek – also Fremdkapital – finanziert.
Im Unternehmen
- Eigenkapital stammt von den Eigentümern oder Aktionären eines Unternehmens: eingebrachtes Kapital, aber auch einbehaltene Gewinne, die im Unternehmen verbleiben.
- Fremdkapital stammt von Banken, Gläubigern oder anderen Geldgebern, etwa in Form von Bankkrediten, Anleihen oder Lieferantenkrediten.
Das Standardwerk “Principles of Corporate Finance” von Richard Brealey, Stewart Myers und Franklin Allen, seit den 1980er-Jahren eines der meistverwendeten Lehrbücher der Unternehmensfinanzierung, widmet diesem Thema ganze Kapitel: Wie ein Unternehmen seine Finanzierung zwischen Eigen- und Fremdkapital aufteilt (die sogenannte Kapitalstruktur), beeinflusst massgeblich sein Risiko und seine potenzielle Rendite für die Eigentümer.
Der Hebel-Effekt – Chance und Risiko zugleich
Fremdkapital kann den Vermögensaufbau beschleunigen. Ein Beispiel: Investierst du 100’000 CHF Eigenkapital in eine Immobilie im Wert von 500’000 CHF (400’000 CHF Fremdkapital) und die Immobilie steigt um 10 Prozent im Wert, also um 50’000 CHF, dann entspricht das bezogen auf dein eingesetztes Eigenkapital einer Rendite von 50 Prozent (50’000 CHF Gewinn auf 100’000 CHF Eigenkapital) – nicht von 10 Prozent. Dieser Effekt heisst Hebelwirkung oder Leverage.
Der Hebel wirkt aber in beide Richtungen: Sinkt der Wert der Immobilie um 10 Prozent, also um 50’000 CHF, verlierst du bezogen auf dein Eigenkapital 50 Prozent deines Einsatzes – und musst trotzdem weiterhin Zins und Amortisation auf die vollen 400’000 CHF Fremdkapital bezahlen, unabhängig vom aktuellen Marktwert. Genau deshalb erhöht Fremdkapital nicht nur die mögliche Rendite, sondern auch das Risiko und die finanziellen Verpflichtungen.
Eine einfache Tabelle zum Vergleich
| Eigenkapital | Fremdkapital | |
|---|---|---|
| Herkunft | Eigenes Geld / Ersparnisse | Banken, Kreditgeber |
| Rückzahlungspflicht | Keine | Ja, mit Zins |
| Risiko bei Wertverlust | Trägst du direkt | Verpflichtung bleibt trotzdem bestehen |
| Wirkung bei Wertsteigerung | Voller Gewinn dir | Hebeleffekt: höhere Rendite auf Eigenkapital |
Worauf es ankommt
Fremdkapital ist weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht – es ist ein Werkzeug, das Chancen vergrössert, aber auch Risiken erhöht. Die entscheidende Frage lautet immer: Kann ich die Fremdkapitalkosten (Zins und Amortisation) auch dann noch tragen, wenn der Vermögenswert vorübergehend weniger wert ist oder weniger Ertrag abwirft als geplant? Wer diese Frage ehrlich mit Ja beantworten kann, kann Fremdkapital sinnvoll als Hebel einsetzen. In der nächsten Lektion wenden wir den Blick von Geld auf dich selbst – und schauen uns deinen wohl wichtigsten, oft unterschätzten Vermögenswert an: dein Humankapital.