Bevor du je einen Franken investiert hast, besitzt du bereits einen Vermögenswert: dich selbst. Genauer gesagt deine Fähigkeit, durch Arbeit Einkommen zu erzeugen. Ökonomen nennen das Humankapital – und für die meisten Menschen ist es über weite Strecken ihres Lebens der grösste Posten auf ihrer persönlichen Bilanz.

Was Humankapital genau bedeutet

Humankapital ist der Wert, den eine Person aufgrund ihrer Qualitäten hat – etwa Ausbildung, Weiterbildung, Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrung. Vereinfacht gesagt: Humankapital ist der wirtschaftliche Wert deiner Fähigkeiten.

Der Begriff geht massgeblich auf den amerikanischen Ökonomen Gary S. Becker zurück, der 1964 sein einflussreiches Werk “Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis” veröffentlichte. Becker untersuchte darin systematisch, wie Investitionen in Bildung die künftige Produktivität und das künftige Einkommen einer Person erhöhen – ähnlich wie eine Investition in eine Maschine deren Ertrag steigert. Für diese und verwandte Arbeiten erhielt Becker 1992 den Wirtschaftsnobelpreis.

Zeit ist der entscheidende Faktor

Eine wichtige, oft übersehene Idee: Zwei Menschen mit identischer Ausbildung, aber unterschiedlichem Alter, haben nicht denselben wirtschaftlichen Wert. Ein junger Mensch mit derselben Ausbildung wie ein älterer hat oft einen höheren zukünftigen wirtschaftlichen Wert – einfach, weil ihm mehr Erwerbsjahre bleiben, um dieses Humankapital in Einkommen umzuwandeln.

Vereinfacht lässt sich sagen: Jeder Mensch hat einen wirtschaftlichen Wert. Dieser setzt sich einerseits aus der Qualität seines Humankapitals zusammen – wie gut ausgebildet, wie erfahren, wie gefragt seine Fähigkeiten sind – und andererseits aus der verbleibenden Zeit, in der dieses Humankapital überhaupt noch Einkommen erzeugen kann.

Drei verwandte Begriffe

  • Humankapital: die Qualität deiner Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen zu einem bestimmten Zeitpunkt.
  • Humankapitalvorrat bzw. Humankapitalbestand: die Gesamtheit dieser Fähigkeiten, wie sie sich über die Zeit aufbaut und verändert – durch Ausbildung, Berufserfahrung, aber auch durch Veralten von Wissen.
  • Sozialkapital: dein Netzwerk – Beziehungen, Kontakte und der Zugang zu Menschen und Möglichkeiten, die dir helfen, dein Humankapital wirtschaftlich zu nutzen.

Humankapital in der persönlichen Finanzplanung

Der kanadische Finanzprofessor Moshe A. Milevsky hat diese akademische Idee in die praktische Finanzplanung übertragen. In seinem Buch “Are You a Stock or a Bond?” argumentiert er, dass Humankapital der wertvollste Vermögensposten ist, den die meisten Menschen über weite Teile ihres Lebens besitzen – oft wertvoller als ihr gesamtes Finanzvermögen zusammen. Seine zentrale Idee: Wie stabil oder riskant dein Beruf ist (“bond-artig” wie eine sichere Beamtenstelle oder “stock-artig” wie eine Provisionsstelle im Vertrieb), sollte beeinflussen, wie du dein Finanzvermögen anlegst. Wer ein sehr risikoreiches Humankapital hat, sollte gemäss Milevsky eher vorsichtiger investieren – und umgekehrt.

Warum das für dich praktisch relevant ist

Ein Beispiel: Zwei Personen, 25 und 55 Jahre alt, verdienen beide 80’000 CHF im Jahr als Informatikerin beziehungsweise Informatiker. Die 25-Jährige hat unter der Annahme gleichbleibender Erwerbstätigkeit theoretisch noch rund 40 Erwerbsjahre vor sich, der 55-Jährige noch etwa 10. Rein wirtschaftlich betrachtet ist der Barwert des künftigen Erwerbseinkommens der jüngeren Person also erheblich höher, selbst bei identischem aktuellem Lohn. Das bedeutet auch: Weiterbildung, Sprachkenntnisse oder eine zusätzliche Qualifikation zahlen sich bei jüngeren Menschen über mehr Jahre aus – ein zusätzlicher Grund, frühzeitig in die eigene Ausbildung zu investieren, nicht nur in Aktien oder Fonds.

Was du daraus mitnehmen kannst

Bevor du dein erstes grosses Investment tätigst, lohnt sich die Frage: Investiere ich genug in mein eigenes Humankapital – Weiterbildung, Fähigkeiten, Netzwerk? Denn dieser Vermögenswert lässt sich, anders als eine Aktie, nicht über Nacht verkaufen, aber er finanziert über Jahrzehnte hinweg jede Sparrate, jede Investition und jeden Vermögensaufbau, den wir in dieser Serie besprochen haben. In der letzten Lektion dieser ersten Serie schauen wir uns an, wie sich dein Einkommen mit der Zeit verändern kann – vom reinen Arbeitseinkommen hin zu Einkommen aus Vermögenswerten.