Du hast ein Budget, deine Ausgaben im Griff, vielleicht sogar deine Schulden reduziert, und jeden Monat wandert automatisch ein fester Betrag auf ein Sparkonto. Das ist bereits mehr, als die meisten Menschen schaffen – und trotzdem ist es nur die halbe Strecke. Der nächste, entscheidende Schritt lautet: dieses Geld nicht nur zu sparen, sondern es arbeiten zu lassen.
Warum reines Sparen auf Dauer nicht reicht
Ein Sparkonto fühlt sich sicher an, weil der Frankenbetrag darauf nicht sinkt. Trotzdem verliert dieses Geld Jahr für Jahr an Kaufkraft, wegen der Inflation. Die Schweizerische Nationalbank strebt eine Teuerung zwischen 0 und 2 Prozent pro Jahr an – das klingt nach wenig, summiert sich aber über die Zeit erheblich. Bereits eine Inflation von 2 Prozent pro Jahr führt über 20 Jahre zu einem Kaufkraftverlust von rund einem Drittel. Bringt das Sparkonto in derselben Zeit nur 0.2 oder 0.5 Prozent Zins, wie es über weite Strecken der letzten Jahre in der Schweiz üblich war, verliert dein Geld real an Wert, obwohl die Kontonummer eine steigende Zahl zeigt. Wie die NZZ in einer Analyse festhält, verlieren Schweizer Sparerinnen und Sparer dadurch jedes Jahr in der Summe mehrere Milliarden Franken an Kaufkraft.
Dazu kommt ein zweiter, stiller Verlust: entgangener Zinseszins. Wie wir in Lektion 13 gesehen haben, wächst investiertes Geld über die Zeit exponentiell, weil Erträge wieder Erträge erzeugen. Wer sein Erspartes über Jahre nur auf einem tiefverzinsten Konto liegen lässt, verzichtet nicht nur auf Rendite – er verzichtet auf den Zinseszinseffekt selbst, der gerade über lange Zeiträume den grössten Unterschied macht.
Der Übergang in drei Schritten
Der Wechsel vom reinen Sparen zum Investieren muss nicht abrupt geschehen. Er funktioniert am besten in klar abgegrenzten Stufen:
- Notgroschen zuerst: Bevor überhaupt investiert wird, gehört eine Liquiditätsreserve von etwa drei bis sechs Monatsausgaben auf ein leicht zugängliches Konto. Diese Reserve ist kein Investment, sondern eine Versicherung gegen unvorhergesehene Ausgaben – Autopanne, Zahnarztrechnung, vorübergehender Erwerbsausfall.
- Erste ETF-Sparpläne: Ist der Notgroschen vorhanden, kann ein Teil der monatlichen Sparrate regelmässig in ein breit diversifiziertes ETF investiert werden, statt weiter auf dem Konto liegen zu bleiben. Auch kleine Beträge, konsequent jeden Monat investiert, entfalten über Jahre den in Lektion 13 beschriebenen Zinseszinseffekt.
- Diversifikation ausbauen: Mit wachsendem Verständnis und wachsendem Kapital lässt sich das Portfolio breiter aufstellen – über verschiedene Anlageklassen (siehe Lektion 17) und passend zur eigenen Anlagestrategie (siehe Lektion 18), je nach Zeithorizont und Risikofähigkeit.
Ein Rechenbeispiel
Angenommen, jemand spart monatlich 400 CHF und lässt das Geld zehn Jahre lang auf einem Konto mit 0.3 Prozent Zins liegen. Nach zehn Jahren sind das rund 48’000 CHF eingezahltes Kapital plus einige hundert Franken Zinsen – kaum der Rede wert, und real durch die Inflation sogar rückläufig. Investiert dieselbe Person die 400 CHF stattdessen monatlich in ein breit diversifiziertes Portfolio mit einer angenommenen langfristigen Rendite von 5 Prozent pro Jahr, wächst daraus über zehn Jahre ein deutlich höherer Betrag, weit über die reinen Einzahlungen hinaus – der Unterschied ist genau der Zinseszinseffekt, der auf dem Sparkonto praktisch nicht stattfindet.
Was du daraus mitnehmen kannst
Sparen ist die Voraussetzung, nicht das Ziel. Ein Budget schafft den Spielraum, eine Sparrate baut die Substanz auf – aber erst das Investieren dieser Substanz lässt sie tatsächlich wachsen, statt real zu schrumpfen. Hast du bereits einen Notgroschen aufgebaut? Falls ja: Wie viel deiner monatlichen Sparrate fliesst aktuell noch ungenutzt auf ein Konto, obwohl sie eigentlich bereit wäre, investiert zu werden? In der letzten Lektion dieser Serie führen wir alle Bausteine zusammen und schauen, wohin dieser ganze Weg eigentlich führt: zu echter finanzieller Freiheit.