Wie viel eines Portfolios sollte in Aktien stecken, wie viel in Anleihen, wie viel als Liquidität bereitliegen? Diese Frage stellt sich jede Anlegerin und jeder Anleger, und die Finanzbranche hat dafür ein einfaches, breit verwendetes Grundmodell entwickelt: drei Anlageprofile, die von wachstumsorientiert bis defensiv reichen. Sie sind keine exakte Wissenschaft, aber ein bewährter Ausgangspunkt, um die eigene Strategie zu definieren.

Wachstum: Mehr Wachstum, mehr Schwankung, mehr Chance

Allokation: 80 Prozent Aktien, 10 Prozent Anleihen, 10 Prozent Liquidität.

Dieses Profil setzt konsequent auf langfristiges Wachstum und akzeptiert dafür stärkere Wertschwankungen. Es passt zu Menschen, die einen langen Anlagehorizont haben – oft mehrere Jahrzehnte bis zum Ruhestand –, Kursschwankungen emotional aushalten können, ohne in Panik zu verkaufen, und bereit sind, kurzfristige Rückschläge zugunsten höherer langfristiger Renditechancen in Kauf zu nehmen.

Ausgewogen: Der Mittelweg zwischen Chancen und ruhigem Schlaf

Allokation: 50 Prozent Aktien, 40 Prozent Anleihen, 10 Prozent Liquidität.

Dieses Profil kombiniert Renditechancen mit spürbar mehr Stabilität. Es eignet sich für Menschen, die durchaus Vermögen aufbauen möchten, aber nicht jede Marktschwankung in voller Wucht mitmachen wollen – etwa, weil der Anlagehorizont kürzer ist oder weil grössere Kursverluste emotional stärker belasten würden.

Konservativ: Stabilität vor Abenteuer

Allokation: 20 Prozent Aktien, 70 Prozent Anleihen, 10 Prozent Liquidität.

Hier stehen Kapitalerhalt und stabile, planbare Erträge im Vordergrund. Die Renditechancen sind geringer, dafür auch die Schwankungsbreite. Dieses Profil passt zu sicherheitsorientierten Menschen, die grosse Wertschwankungen vermeiden möchten, etwa weil sie das Geld in absehbarer Zeit benötigen oder weil Verluste sie schlicht nicht ruhig schlafen lassen würden.

Woher dieses Modell stammt

Der legendäre Fondsgründer John C. Bogle beschreibt in seinem Buch “Common Sense on Mutual Funds” (1999) ein verwandtes Prinzip: Er empfiehlt für die Ansparphase vor der Pensionierung, je nach Risikofähigkeit, einen Aktienanteil von grob 70 bis 90 Prozent, ergänzt durch Anleihen als stabilisierenden Gegenpart. Das deckt sich weitgehend mit dem hier beschriebenen Wachstumsprofil. Bogles zentrale Botschaft dahinter: Wichtiger als die exakte Prozentzahl ist, dass man eine Aufteilung wählt, die man über Jahre und durch schwierige Marktphasen hindurch konsequent durchhält, statt bei jedem Kursrückgang das Konzept über Bord zu werfen.

Die drei hier vorgestellten Profile sind eine vereinfachte, aber in der Finanzberatung sehr verbreitete Übersetzung dieses Grundgedankens in handhabbare Kategorien. Die genauen Prozentsätze variieren je nach Bank, Berater oder Land leicht, das Grundprinzip – mehr Aktienanteil bedeutet mehr erwartete Rendite bei mehr Schwankung – bleibt aber überall gleich, wie es bereits Harry Markowitz 1952 wissenschaftlich beschrieben hat.

Welches Profil passt zu wem?

Es gibt keine allgemeingültig “richtige” Antwort. Zwei Fragen helfen bei der Einordnung: Wie lange kann das Geld investiert bleiben, bevor du es voraussichtlich brauchst? Und wie reagierst du emotional, wenn dein Portfolio innerhalb weniger Monate 20 oder 30 Prozent an Wert verliert – bleibst du gelassen, oder verkaufst du aus Panik zum ungünstigsten Zeitpunkt? Ein junger Berufseinsteiger mit 30 Jahren bis zur Pensionierung hat objektiv Zeit, Schwankungen auszusitzen, und tendiert daher oft zum Wachstumsprofil. Jemand, der in drei Jahren eine Anzahlung für ein Haus benötigt, sollte eher konservativ anlegen, unabhängig von der reinen Risikobereitschaft.

Was du daraus mitnehmen kannst

Bevor du dein nächstes Depot eröffnest oder anpasst, ordne dich selbst ehrlich einem dieser drei Profile zu – nicht danach, welches am meisten Rendite verspricht, sondern danach, was zu deinem Zeithorizont und zu deiner tatsächlichen Risikofähigkeit passt. Eine Strategie, die du in einer schwierigen Marktphase nicht durchhältst, nützt dir nichts, selbst wenn sie auf dem Papier optimal aussieht. In der nächsten Lektion schliessen wir den Bogen zwischen Sparen und Investieren: wie der konkrete Übergang vom reinen Ansparen zum tatsächlichen Investieren gelingt.